-
Lebensmittel, Futtermittel und SüsswarenAdvanced materials
-
Lösungen
Lebensmittel, Futtermittel und SüsswarenAdvanced materials
- Serviceleistungen
- Inspiration
- Neuigkeiten
- Karrieren
- Über uns
Flourmasters
Seit fünf Jahren lernen angehende, aber auch gestandene Müllerinnen und Müller an der African Milling School ihr Gewerbe von der Pike auf. Die von Bühler betriebene Schule ist eine Erfolgsgeschichte – muss sich in Coronazeiten aber erfinderisch zeigen.
Joel Bedetti, 25. März 2021
Im Januar 2020 kehrte Stefan Lutz nach Nairobi zurück, um seinen neuen Posten als Managing Director der African Milling School anzutreten. Lutz hatte die Schule 2015 mit aufgebaut und dort als Ausbildner gearbeitet, bis er 2016 nach Südamerika gegangen war, um dort als Technologieleiter für Bühler zu arbeiten. Nach seiner Rückkehr wollte Lutz das Kursangebot der Schule erweitern sowie die zweijährigen Lehrgänge fortsetzen.
Doch das Coronavirus durchkreuzte seine Pläne. Keine Woche, nachdem die Klasse des zweiten Jahres angereist war, entschied Lutz, die 28 Schülerinnen und Schüler aus 13 Ländern wieder nach Hause zu schicken. Keine Sekunde zu früh. Denn am nächsten Tag verhängte Kenia den Lockdown und schloss die Grenzen. «Alle schafften es nach Hause», erzählt Stefan Lutz. «Doch für uns stellte sich die Frage: Was machen wir jetzt?»
Die African Milling School, kurz AMS, wurde vor fünf Jahren von Bühler gegründet. Ihr Ziel ist es, in Afrika sowie im Nahen Osten das Know-how in der Getreideverarbeitung zu erhöhen. «Wir wollen Fachleute aus der Region für die Region ausbilden und somit die Abhängigkeit von ausländischen Spezialisten reduzieren», sagt Heiko Feuring, Head of Middle East & Africa bei Bühler. «Die Schule ist deshalb offen für alle Unternehmen – egal ob sie Kunden von Bühler sind oder nicht.»
Die AMS ist nach dem Vorbild der mitteleuropäischen Berufslehre aufgebaut und schliesst eine Lücke im afrikanischen Berufsbildungssystem. «In unserer Industrie studieren nur wenige an den Universitäten », sagt Schuldirektor Stefan Lutz, «die meisten erlernen ihren Beruf durch "Learning by Doing".»
Die Konsequenzen mangelnden Grundwissens in der Industrie sieht Lutz regelmässig: Maschinen-stillstände aufgrund mangelnder Wartung sowie ineffiziente Getreideverarbeitung mit Ausbeute und Leistungseinbussen. «Aus 100 Kilogramm Weizen lassen sich mit optimalem Technologieeinsatz 77 bis 78 Kilogramm Mehl gewinnen», sagt Lutz. «Liegt diese Quote lediglich bei 70 Kilogramm, fällt das in einer Müllerei mit 2000 Tonnen Tagesproduktion massiv ins Gewicht.»
Die Schule ist offen für alle Unternehmen – egal ob sie Kunden von Bühler sind oder nicht.
Heiko Feuring,
Head of Middle East & Africa bei Bühler
Um eine zugleich fundierte und praxisorientierte Ausbildung anzubieten, übersetzten das Team der African Milling School den Lehrplan der schweizerischen Müllerlehre ins Englische, die Unterrichtssprache an der AMS. Zugleich entstand auf dem Schulgelände im Norden von Nairobi ein Gebäudekomplex mit zwei Klassenzimmern, einer Schulmühle und einem Labor mit Bäckerei.
Anfang 2015 trat die erste Klasse ihre zweijährige Lehre an – und stellte das Ausbildungsteam bald vor Herausforderungen. «Die Schülerinnen und Schüler waren zwischen 23 und 45 Jahre alt und auf ganz unterschiedlichem Wissensstand», erinnert sich Lutz. «Es war eine Kunst, die richtige Balance zu finden.» Neben dem englischen Unterricht bietet die Schule auch massgeschneiderte Schulungen in Französisch, Arabisch und in Portugiesisch an – drei in Afrika und im Nahen Osten gängige Sprachen.
Schliesslich sind unsere Lernenden auch für die Einhaltung höchster Qualitäts- und Hygienestandards verantwortlich.
Stefan Lutz,
Schuldirektor bei African Milling School
Die zweijährige Lehre an der AMS war bis vor Kurzem in sechs Module à je einen Monat Präsenzunterricht aufgeteilt, zwischen denen die Lernenden ihr neu gewonnenes Wissen in ihren Unternehmen anwendeten. Während des Unterrichts an der AMS wird morgens im Klassenzimmer Theorie gebüffelt; am Nachmittag steht die praktische Arbeit in der Schulmühle, der Werkstatt oder im Labor an.
Der Schulstoff folgt dabei dem Weg des Getreides vom Anbau bis zum Konsum. Ist im ersten Modul etwa die korrekte Lagerung ein Kernthema, setzt sich die Ausbildung über die korrekte Bedienung des Maschinenparks bis hin zur Laborarbeit fort. «Dort lernen die Auszubildenden etwa, von Schimmelpilzen produzierte Gifte wie Aflatoxin in Maiskörnern zu entdecken», erklärt Lutz. «Schliesslich sind unsere Lernenden auch für die Einhaltung höchster Qualitäts- und Hygienestandards verantwortlich.» Zuletzt steht Brotbacken in der Bäckerei auf dem Programm. Die angehenden Müllerinnen und Müller sollen wissen, wie ihre Abnehmer arbeiten.
Bis heute haben rund 150 Lernende die zweijährige Ausbildung bestanden. Luciana Wambugha ist eine von ihnen. Die ausgebildete Laborassistentin arbeitet in einer Mühle im westkenianischen Eldoret und wurde im Rahmen eines Traineeships an die AMS geschickt. «Der Start war aufregend», erinnert sie sich. «Schon nach kurzer Zeit lernten wir die Funktionssweise, Wartung und fachgerechte Einstellung von Getreidereinigungsmaschinen kennen.»
Wambugha, neben einer Arbeitskollegin aus ihrer Firma die einzige Frau in der Klasse, legte sich besonders ins Zeug. «Ich wollte einigen skeptischen männlichen Kollegen beweisen, dass ich das als Frau packe», erzählt sie. Wambugha schloss 2018 als Zweitbeste ihrer Klasse ab; ihre Kollegin als Drittbeste.
«Unsere Mühle in Eldoret war sehr zufrieden mit uns», erinnert sich Wambugha, die nach ihrer Rückkehr zur Schichtleiterin befördert wurde. «Aufgrund meiner Initiative warten wir unsere Maschinen nun systematisch und regelmässig», erzählt sie. Besonders stolz ist Wambugha darauf, dass dank ihres neu erlernten Wissens die Mehlqualität im Unternehmen gestiegen ist. So ergab zum Beispiel eine Probe im Labor einen zu tiefen Glutenanteil. Dieser konnte durch eine Änderung der Weizenmischung angehoben werden. «Der Verkauf läuft nun besser», sagt Wambugha, «die Kunden sind zufrieden.»
Trotz der grossen Wertschätzung sind die Lehrgänge für die lokalen Unternehmen ein Kostenfaktor. Schulgeld, Reisekosten und Unterkunft wollen bezahlt sein. Als im März auch noch Corona den Unterricht lahmlegte, beschloss Lutz, die Anzahl Präsenzmodule künftig von sechs auf vier zu reduzieren. Lutz und sein 5-köpfiges Team begannen mit der Entwicklung von E-Learning-Material, auf das die Lernenden via Smartphone zugreifen können.
«Damit können sie sich aber nur Basiswissen erarbeiten», sagt Lutz. «Das praktische Training und der finale Schliff muss vor Ort stattfinden.» So sollen die Präsenzmodule intensiver werden, die Lernenden sollen mehr Zeit in der Schulmühle und im Labor verbringen.
Die AMS begann schnell, sich für den Unterricht in der neuen Normalität zu rüsten. Handspender mit Desinfektionsmittel, regelmässiges Desinfizieren der gesamten Schule, und Fiebermessen beim Eingang gehören neu zur Tagesordnung. Als im Oktober der Lockdown gelockert wurde, konnte die AMS eine Klasse für das zweite und letzte Modul des aktuellen Obermüllerkurses für Ende November aufbieten. Die angehenden Müllerinnen und Müller, die im März überstürzt abgereist sind, sollen ab Februar die verpassten Module in einem sechswöchigen Intensivkurs nachholen. Um Abstand zu wahren, wird die Klasse im oberen Stock der Schulmühle unterrichtet und das Gebäude wird regelmässig gut gelüftet. Die Mittagspause in der Kantine findet in zwei Schichten statt. «Es wird eine strenge Zeit für die Lernenden», sagt Lutz. «Aber so können sie ihre Lehre trotzdem abschliessen.»
Da die Coronakrise noch länger für Reisebeschränkungen sorgen könnte, richtete Lutz das Angebot der African Milling School stärker auf den Heimmarkt Kenia aus. «Da auf dem Schulgelände auch eine Kaffeerösterei sowie eine Brauanlage stehen, finden inzwischen auch mehrtägige Kurse im Kaffeerösten und Bierbrauen statt. Des Weiteren verdanken wir der Umstrukturierung, dass wir nun mehr Kurse auch in anderen Produktionszweigen anbieten können», sagt er. So startet die African Milling School nächstes Jahr einen Lehrgang für Futtermüller mit drei einmonatigen Unterrichtsmodulen. Dabei sollen die Lernenden die professionelle Weiterverarbeitung der Kleie, Nebenprodukt des Weizens, mittels Pelletpressen zu Tierfutter erlernen. «Die Idee dazu hatten wir seit Längerem», sagt Lutz. «Aufgrund der laufenden Müller- und Obermüllerklassen hatten wir aber nie die Zeit dazu.»
Der neue Schuldirektor Stefan Lutz im Labor mit Lernenden des sechsten Lehrgangs. Inklusive aller Kurzkurse, schätzt der Schuldirektor, haben in den letzten fünf Jahren um die 1000 Personen die AMS durchlaufen. Aufgrund ihres vielfältigen und modernen Maschinenparks ist die Schule zudem zur beliebten Partnerin für lokale Getreideproduzenten geworden, insbesondere wenn es um die Entwicklung fortschrittlicher Verarbeitungsmethoden geht. Auch Mehlanalysen sowie die Beratung zur Qualitätsverbesserung bietet die AMS an; etwa wenn ein Müller Reklamationen von Kunden erhält.
«Die AMS ist in den fünf Jahren ihrer Existenz zu mehr als einer Schule geworden», fasst Lutz zusammen. «Die African Milling School hat sich zum Wissenspool und Anwendungszentrum für die Lebensmittelindustrie in ganz Afrika und dem Nahen Osten entwickelt.»
Gupfenstrasse 5
Uzwil
9240
Schweiz