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Die bewegende Geschichte von Ismail Haji Mohammad

Talentierter syrischer Flüchtling macht ein IT-Praktikum bei Bühler

Ismail Haji Mohammad absolviert seit fast einem Jahr ein Praktikum in der IT-Abteilung von Bühler in Uzwil. Mit seiner Leidenschaft für IT und Webentwicklung und seiner «can do»-Einstellung hat er sicher eine glänzende Zukunft vor sich. Gerade einmal 25, hat Ismail schon viel mehr erlebt als die meisten in seinem Alter. 

  

Ismail Haji Mohammad, 25, ist seit Januar 2021 Praktikant in der IT-Abteilung von Bühler. Er arbeitet in einem kleinen Team unter der Leitung von Manuel Ammann, das im CUBIC angesiedelt ist. Ismail spricht Deutsch sowie drei weitere Sprachen und hat sich so sehr ins Team integriert, dass seine Anstellung bei Bühler bis mindestens nächsten Sommer verlängert wird. Ismail ist ein leidenschaftlicher IT- und Webentwickler und ein syrischer Flüchtling, der eine unglaubliche Geschichte zu erzählen hat.

Kindheit in Syrien

Ismail wurde als jüngstes Kind in Qamishli, einer Stadt im Nordosten Syriens an der syrisch-türkischen Grenze, geboren. Schon als Teenager spielte er gerne mit Computern, seinen ersten Computer hatte er mit elf. Er spielte gerne Spiele, entdeckte aber schnell Microsoft- und Adobe-Anwendungen.  

«Am Anfang fängt jedes Kind mit Spielen an, aber nach und nach habe ich begonnen, mit Microsoft Office herumzuspielen, etwas in Word zu schreiben oder PowerPoint zu benutzen. Und dann habe ich angefangen, mich mit anspruchsvolleren Dingen zu beschäftigen, etwa Adobe Photoshop. So habe ich angefangen», sagt Ismail.

Wie viele Jungs war auch Ismail vom Weltraum fasziniert und wollte Astronaut werden. Er sagt, er sei von seinem Bruder beeinflusst worden, der wie Neil Armstrong sein wollte. Aber als Ismail grösser wurde, war sein Lieblingsfach in der Schule Informatik. In Syrien konnte er jedoch keine IT-Karriere einschlagen, sodass er an der Universität englische Literatur studierte, was ihm bei seinen Englischkenntnissen sehr half.

Ismail Haji Mohammad hat schon als Teenager gerne mit Computern gespielt. Ismail Haji Mohammad hat schon als Teenager gerne mit Computern gespielt. Ismail Haji Mohammad hat schon als Teenager gerne mit Computern gespielt.

Der Krieg in Syrien

Der syrische Bürgerkrieg brach im März 2011 aus. Der blutige Konflikt hat Tausende von Menschenleben gefordert und Millionen von Syrern vertrieben. Zu dieser Zeit lebte Ismail im relativ stabilen Qamishli an der Grenze zur Türkei. Aber er hörte die Explosionen und sah in der Ferne Raketen und Rauch und konnte die Schrecken des Konflikts förmlich riechen. Es bestand immer die Gefahr, dass Ismail ein Aufgebot der Armee erhalten würde, um im Krieg zu kämpfen. 

«In Syrien haben wir eine Wehrpflicht. Und wenn man 18 ist, sollte man ins Militär gehen. Ich hatte eine Bescheinigung, die mich als Universitätsstudent auswies, aber die würde nicht lange reichen. Es war eine schwere Entscheidung für mich, aber ich musste auch über meine Zukunft nachdenken und darüber, ob ich gehen sollte», erklärt Ismail.

Es war eine schwere Entscheidung für mich, aber ich musste auch über meine Zukunft nachdenken und darüber, ob ich Syrien verlassen sollte.

Ismail Haji Mohammad,
Bühler IT-Praktikant

Flucht aus Syrien

Im Jahr 2016 beschloss er, zu fliehen. Es war eine Entscheidung, die von seiner Familie unterstützt wurde, die sich um Ismails Leben und seine Zukunft sorgte. Zusammen mit seinem jüngeren Cousin überquerte er unter grossen Gefahren die Grenze zur Türkei und gelangte dann mit vielen anderen auf einem Schlepper-Boot nach Griechenland. 

Ihre schwierige und lebensgefährliche Reise dauerte 15 Tage. Doch als sie am 19. März im griechischen Lesbos ankamen, war das Schicksal auf ihrer Seite. 

«Ich hatte Glück, denn es fand gerade ein Treffen der Europäischen Union zum Thema Flüchtlinge statt. Sie sagten, dass jeder, der nach dem 19. März 2016 ankäme, dortbleiben müsse, und jeder, der vorher ankam, bekäme Papiere und könne gehen», erklärt er. «Und ich kam am 19. März an. Als ich dort war, sagten sie: ‘Nimm dieses Papier und geh damit nach Athen’.»

Auf der Tagung des Europäischen Rates vom 18. März 2016 erzielten die Staats- und Regierungschefs der EU (Europäische Union) eine Einigung mit der Türkei, das sogenannte EU-Türkei-Abkommen, das unter anderem die Rückführung aller irregulären Migranten in die Türkei vorsieht, die nach dem 20. März 2016 von der Türkei nach Griechenland kommen.

Auf einer langen Reise

Nach Athen begann Ismails lange Reise. Er reiste mit dem Bus in ein Lager in der Nähe von Mazedonien, wo er mit etwa 20,000 anderen Flüchtlingen untergebracht war. Dort meldete er sich beim UNHCR (dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen) für ein Umsiedlungsprogramm an. Er musste aus einer Liste von 25 Ländern in Europa acht mögliche Länder auswählen, die dann entscheiden würden, ob sie einen Flüchtling aufnehmen oder nicht.  

«Ich hatte kein bestimmtes Land im Kopf. Ich wollte einfach in einem friedlichen Land leben und in einem, in dem ich meine Ausbildung fortsetzen konnte», sagt Ismail. «Wenn ich in Griechenland bliebe, hätte ich nicht die gleichen Möglichkeiten wie zum Beispiel in der Schweiz.»

Ich wollte nur in einem friedlichen Land leben und in einem, in dem ich meine Ausbildung fortsetzen konnte.

Ismail Haji Mohammad,
Bühler IT-Praktikant

Ismails Reise Ismails Reise Ismails Reise

Er musste viele Befragungen mit dem UNHCR über die Gründe für seine Flucht aus Syrien, seine Herkunft und seine Verwandten in Europa durchstehen, um ein möglichst komplettes Bild von sich zu zeichnen. Einige der Befragungen dauerten von 8 Uhr bis 17 Uhr, wobei Ismail über «alles» befragt wurde. Dann studierten die Länder sein Profil und entschieden, ob sie ihn aufnehmen wollten. 

Die Schweiz lud Ismail zu einem Vorstellungsgespräch ein, um mehr über ihn zu erfahren. Er ging zur Schweizer Botschaft, und nach diesem Gespräch wurde er in das Umsiedlungsprogramm aufgenommen. Ismails Cousin hatte ebenfalls Glück und wurde auch von der Schweiz aufgenommen. 

Neubeginn

Ende 2017 bestieg Ismail ein Flugzeug von Athen nach Zürich. Vom Flughafen wurde er mit einem von der IOM (Internationale Organisation für Migration) organisierten Bus zu einem Flüchtlings- und Asylbewerberzentrum in Basel gebracht. Dort musste Ismail weitere Befragungen absolvieren, bei denen ihm die gleichen Fragen zu seiner Herkunft, seiner Ausbildung und seinen Fluchtgründen gestellt wurden. 

Wartezeit

Doch das war nur der Anfang eines langen Wartens. Ismail wurde in ein anderes Flüchtlingszentrum im Kanton Zürich verlegt, wo er die nächsten drei Jahre damit verbrachte, auf die Entscheidung der Schweizer Regierung zu warten, ob sie ihm eine Aufenthaltsbewilligung erteilen würde oder nicht. 

«Ohne die Entscheidung der Regierung kann man nicht auf eine normale Schule gehen. Also fing ich an, meine Sozialarbeiterin zu drängen, mir zu erlauben, Deutschstunden zu nehmen. Ich wollte nicht untätig sein, aber man hat mir nicht erlaubt, eine Schule zu besuchen. Man sagte mir, ich solle nach Hause gehen und warten», erklärt er.

Ohne die Entscheidung der Regierung ... durfte ich nicht zur Schule gehen. Mir wurde gesagt, ich solle nach Hause gehen und warten.

Ismail Haji Mohammad,
Bühler IT-Praktikant

Schliesslich überzeugte Ismails Sozialarbeiterin die Behörden, Ismail einen dreimonatigen Deutschkurs an einer Migros-Schule zu ermöglichen. Ismail meldete sich auch bei einer Schule an, die Flüchtlingen Deutsch, IT-Grundlagen, Mathematik und andere Fächer beibringt. Es gab auch einen Kurs, der Flüchtlingen hilft, eine Arbeit oder eine Lehrstelle zu finden. Aber ohne seine Papiere von der Schweizer Regierung war es für Ismail schwierig, einen Job zu finden.

Ismail wurde in das PowerCoders-Programm aufgenommen. Ismail wurde in das PowerCoders-Programm aufgenommen. Ismail wurde in das PowerCoders-Programm aufgenommen.

PowerCoders

In der Schule half Ismail einem seiner Lehrer im IT-Bereich. Dieser schlug Ismail vor, PowerCoders auszuprobieren, eine Programmierschule für Flüchtlinge und Migranten, die ausgebildete Flüchtlinge in IT-Unternehmen und IT-Abteilungen vermitteln soll. Die Organisation bietet ein dreizehnwöchiges Coding-Bootcamp und ein sechs- bis zwölfmonatiges Praktikum an. 

Ismail bewarb sich bei PowerCoders und wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Um sich einzuschreiben, musste er zwei Prüfungen und einen Test in Englisch bestehen. Er musste weiter lernen und Prüfungen ablegen, aber schliesslich war Ismail einer der wenigen Flüchtlinge, die in das PowerCoders-Programm aufgenommen wurden. 

Eine ideale IT-Beziehung

Der Lehrplan von PowerCoders enthält Speed-Dating-Events für IT-Manager und Flüchtlinge. Manuel Ammann ist der Leiter CX Applications in der IT-Abteilung von Bühler. Er hörte von PowerCoders und war sich des Mangels an IT-Spezialisten in der Schweiz bewusst. 

Im Oktober 2020 besuchte Manuel zusammen mit der Personalabteilung eines der von PowerCoders organisierten IT-Speed-Datings. Vor der Veranstaltung hatten sie drei potenzielle Kandidaten in die engere Wahl genommen. Manuel sagt, dass Ismail sofort aus der Menge herausstach. Ismail hatte seinerseits auch mehrere Unternehmen in der engeren Wahl, und es machte «klick» zwischen Ismail und Bühler. 

Speed-Dating am PowerCoders Event. Speed-Dating am PowerCoders Event. Speed-Dating am PowerCoders Event.

«Ich traue ihm zu, dass er die Leidenschaft hat, das zu tun», sagt Manuel. «Ich erinnere mich, dass es Bewerber mit besseren Grundkenntnissen gab, die bereits im IT-Bereich gearbeitet haben, aber das war für mich nicht das Wichtigste. Ich habe bei Ismail das Gefühl, dass er lernen will. Und das ist für mich das Wichtigste.»

Ich habe bei Ismail das Gefühl, dass er lernen will. Und das ist für mich das Wichtigste.

Manuel Ammann,
Leiter CX-Anwendungen

Ismail Haji Mohammad und Manuel Ammann im CUBIC.

 

Ismail wurde ein Praktikum bei Bühler angeboten, das mindestens ein Jahr dauern würde. Manuel sagt, dass die Einstellung eines Flüchtlings Vielfalt in das Team bringe und gut für sein Team sei. Es bringt gewisse Herausforderungen mit sich, aber für Manuel war es die richtige Entscheidung.

«Ismail bringt Vielfalt in das Team, und ich glaube, dass ein vielfältiges Team bessere Leistungen erbringt. Das ist eines der Elemente. Aber so können wir jemanden wirklich unterstützen und sein Leben verändern. Man gibt jemandem nicht nur einen Job, um etwas Geld zu verdienen, sondern man gibt ihm ein neues Leben, wenn er dazu bereit ist», fügt Manuel hinzu.

Man gibt jemandem nicht nur einen Job. Man gibt jemandem, der dazu bereit ist, ein neues Leben.

Manuel Ammann,
Leiter der CX-Anwendungen

Neues Zuhause, neues Leben

Ismail sagt, er könnte nicht glücklicher sein. Er sagt, die Mitarbeitenden bei Bühler unterstützten ihn voll und ganz und er fühle sich komplett ins Team integriert. Er hofft, weiter bei Bühler zu arbeiten, eine Lehre zu beginnen und schliesslich eine Vollzeitstelle in der Firma zu bekommen. Sein Traumberuf ist Webentwickler und er ist bereit, alles dafür zu lernen.

Ismail sagt, er fühle sich nicht nur bei der Arbeit, sondern auch in der Schweiz zu Hause. Er spielt gerne Fussball und schaut gerne Spiele von Manchester City. Er hat lieber Raclette als Fondue und liebt Schweizer Schokolade. Jetzt hat Ismail viele Schweizer Freunde, die er auf seinen Reisen durch die Schweiz gerne besucht. 

«Ich habe eine grossartige Chance bekommen; viele Leute bekommen nicht die gleichen Chancen, auch wenn sie die gleichen Fähigkeiten haben wie ich oder sogar noch bessere. Hier in der Schweiz habe ich gelernt, dass wenn man herumsitzt und nichts tut, niemand zu einem kommt und sagt: ‹Hey, wir haben einen Job für dich oder ein Praktikum oder eine Schule.› Das habe ich gelernt, und ich bin sehr glücklich. Ich sitze nicht gerne herum und habe nichts zu tun, also ist das eine grossartige Chance», sagt Ismail. Diese proaktive Einstellung und Herangehensweise haben Ismail dorthin geführt, wo er jetzt ist.

Ich habe Glück, dass ich die Chance habe, hier zu sein.

Ismail Haji Mohammad,
Bühler IT-Praktikant

Ismail sagt, er vermisse Syrien nicht, aber er vermisse seine Familie. Er sagt, er wolle sich in der Schweiz niederlassen und seine berufliche Laufbahn bei Bühler fortsetzen. «Ich habe das Glück, dass ich die Chance habe, hier zu sein.»  

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